Autor: Chris
Allerhand Probleme hatten die alten Ägypter mit ihren Göttern.
Ein besonders niederträchtiger Vertreter dieser Zunft war Seth,
der Rachegott. Der Bursche hatte das Spiel mit der Rache anscheinend
etwas zu bunt getrieben, da er von seinen Widersachern mit einem Bann
belegt und für alle Zeiten in einer Gruft weggesperrt wurde.
So weit, so gut. Leider haben die Pharaonen nicht damit gerechnet,
dass Jahrtausende nach dem Untergang ihrer Zivilisation etliche wissbegierige
Forscher mit Pickel und Schaufel im Wüstensand nach Spuren von
ihnen buddeln würden.
Zu
dieser Zunft zählt natürlich auch Lara Croft. Während
sie einen düsteren Tempel erkundet, stolpert Miss Croft über
den Sarg des eingekerkerten Seth. Nicht ahnend, was sie da vor sich
hat, begeht Lara einen fatalen Fehler: Sie öffnet das Grab, und
der schlimme Finger entwischt in die Freiheit.
Das kann natürlich nicht angehen. Als unsere Heldin ihr Missgeschick
bemerkt, setzt sie alles daran, den angerichteten Schaden wieder gut
zu machen. Erschwert wird dieses edle Vorhaben jedoch durch den Archäologen
Werner von Croy. Einst Laras Lehrmeister, trennten sich ihre Wege etwas
später im Streit. Von Croy hetzt seine Schergen auf Lara, ohne
zu bemerken, was für eine seltsame Verwandlung mit ihm selber geschieht
An
dieser Stelle erfolgte bereits ein Vorgriff auf Ereignisse innerhalb
des Spielverlaufs. Das lässt sich nicht vermeiden, da weder Prolog
noch Dokumentation von TR IV so was wie eine nachvollziehbare Story
zum eigentlichen Geschehen liefern.
Startet man das Spiel, wird man bereits mit den ersten Neuerungen konfrontiert:
Ein separat anwählbarer Übungs-Level ist bei TR IV nicht mehr
zu finden, ebenso gehören die vertrauten Menüringe der Vergangenheit
an. Anstelle der freiwilligen Turnübungen aus den vorangegangenen
Spielen, wurde ein entsprechendes Pflicht-Training an den Spielbeginn
gestellt.
Hier trifft man auf die jugendliche Lara (1984 noch mit zwei Zöpfen),
welche ihren Mentor Werner von Croy während einer Expedition in
Kambodscha begleitet. Der gute Werner erklärt Lara bei dieser Gelegenheit
die zahlreichen Bewegungsmöglichkeiten. Neu ist dabei das Rutschen
und Klettern an Stangen und Seilschwingen im Tarzan-Stil. Die Hangel-
und Kletterfunktion wurde um eine praktische Variante erweitert: Endlich
kann sich Lara bei diesen Moves auch um Ecken bewegen; eine wahrhaft
reife Leistung der Entwickler! J
Nach
Abschluss des Trainings unter fachkundiger Leitung erfolgt ein Zeitsprung
in das Ägypten der Gegenwart. Hier steuert man die erfahrene Archäologin
durch finstere Gänge und gruselige Tempel, bis sie die oben erwähnte
Büchse der Pandora öffnet und dadurch zu weiteren Aktionen
gezwungen wird.
Einige Neuerungen gibt es von der Waffenfront zu berichten: Maschinengewehr,
Harpune & Raketenwerfer sind nicht mehr zu finden. Die Desert-Eagle
wurde durch einen Revolver ersetzt. Weiterhin gibt's für den Granatenwerfer
jetzt auch Blendgranaten, und die neu hinzugekommene Armbrust kann man
unter anderem auch mit Explosiv-Geschossen ausrüsten. Der Umgang
mit explodierender Munition wurde jedoch erschwert: Konnte Lara früher
damit nach Herzenslust in der Gegend rumballern ohne selber Schaden
zu nehmen, muss bei TR IV darauf geachtet werden, dass man nicht selber
was abkriegt. Ansonsten gibt es (wie soll's auch anders sein) Abzüge
bei der Lebensenergie.
Es ist ja kein Geheimnis, dass man sich bei TR-Spielen desöfteren
in unüberschaubaren Arealen bewegt. Um sich ewig lange Laufereien
zu ersparen, wäre da natürlich ein Fernglas recht, weiß
man
doch
nie, ob die "Reise" lohnenswert ist. Klingt gut, ist aber
nicht so: Das Fernglas macht nur an bestimmten Stellen richtig Sinn,
weil es eine eingebaute Beleuchtung hat. Ansonsten ist das wirklich
nur Spielerei und bringt in entscheidenden Momenten keinerlei Hilfe.
Armbrust und Revolver sind mittels Zielvisier in eine Art Scharfschützengewehr
umrüstbar. Hat man dieses Visier gefunden, kann man es wahlweise
mit den beiden genannten Waffen kombinieren und dadurch an kritischen
Stellen besser auf verdächtige Objekte zielen.
Stichwort Kombinier-Funktion: Hier und da findet Lara Objekte, die
in Verbindung mit anderen Teilen erweitert nutzbar gemacht werden können.
Im Inventar werden diese Gegenstände mit der Zusatzfunktion "Kombinieren"
gekennzeichnet. Bei Aktivierung dieser Option kann im unteren Bildschirmdrittel
durch mögliche Kombinationsvarianten gescrollt werden. Allerdings
sind nur zweckmäßige Alternativen ausführbar, da etliche
Kombinationen keinen Sinn ergeben würden.
Angriffslustige Affen und wilde Raubtiere haben ausgedient. Stattdessen
trifft Lara nun auf
bissige
Skorpione (in Mini- und Mega-Ausführung), klapprige Knochenkämpfer,
Feuerspuckendes Federvieh und selbstverständlich haufenweise feindselige
Söldner. Mumien gab's ja schon mal in TR I, allerdings sind ihre
Pendants in TR IV lange nicht so aggressiv. Sie torkeln recht unbeholfen
durch die Gegend und geben seltsame Geräusche von sich. Dieses
verwirrende Verhalten legt den Schluss nahe, die alten Ägypter
hätten ihre Pharaonen in Wodka Pushkin eingelegt.
Ansonsten tauchen noch Käferarmeen, boshafte Irrlichter, und einige
antike Fabelwesen auf, welche allesamt in der Regel nicht eliminiert
werden können; hier sind andere Vorgehensweisen ratsam.
Abhauen ist nicht mehr, die Gegner haben jetzt mehr Grips: Beduinen-Kämpfer
hangeln sich schon mal über Abgründe, die Skelett-Krieger
springen über mehrere Plattformen, und einige dieser Mistkerle
würden Lara wohl bis ans Ende der Welt verfolgen.
Fahrzeuge sind in "The Last Revelation" Mangelware. Neben
einem Jeep steht im weiteren Spielverlauf nur noch ein Motorrad zur
Verfügung. Das ist aber nicht weiter gravierend, Lara hat so schon
genug zu tun.
Das Gameplay ist recht abwechslungsreich. Geschicklichkeitstests und
Rätsel halten sich die Waage mit actionreichen Schusswechseln.
Nach beweglichen Steinquadern hält man bei TR IV vergeblich Ausschau,
dafür zieht Lara jetzt eben andere Objekte durch die Gegend.
Da
sich TR IV ausschließlich in Ägypten abspielt, erkundet Lara
eben alles, was man so im Wüstensand findet: Pyramiden, Tempelanlagen
und Katakomben sind angesagt. Das wird auf die Dauer etwas öde,
jedoch bieten eine spektakuläre Zugfahrt und die gruselige Kairo-Sequenz
etwas Abwechslung.
"The Last Revelation" hat ein ähnliches Manko wie TR
III: Einige Bereiche sind zu umfangreich geworden. Allein der überdimensionale
Alexandria-Level zieht sich ewig lange hin, die eintönigen Texturen
machen das auch nicht interessanter. Dafür wurde der Schwierigkeitsgrad
auf ein vernünftiges Niveau heruntergeschraubt, so dass auch Anfänger
relativ flott in die Gänge kommen dürften.
Die Qualität der Grafik hat sich auf dem Niveau von TR III eingependelt.
Nennenswerte Neuerungen sind bei den Effekten und Texturen nicht zu
beobachten, allerdings wurden die Animationen diverser Gegner verbessert.
Steigt Lara jetzt aus einem Wasserbecken, kullern einige Zeit Wassertropfen
über ihre Klamotten zu Boden. Nettes Gimmick am Rande: Wird Lara
von einem giftigen Skorpion gebissen, fängt der ganze Bildschirm
zu schlingern an. Erst nach Einnahme eines Medipacks wird dieser Spuk
beendet, und das Spiel kann "normal" weitergeführt werden.
TR IV ist ein durchgängiges Abenteuer geworden. Die gewohnten
Status-Berichte nach Abschluss
eines
Abschnitts wurden vollständig entfernt. Meist wird nur kurz nachgeladen,
und die Hetze wird - unterbrochen durch erläuternde Filme - fortgesetzt.
Apropos Filme: Nie zuvor gab's in einem TR-Game so viele Render- und
Engine-Filme zu bewundern. Das lockert auf, und liefert manchmal tatsächlich
richtige Hinweise, wie man im Spiel weiterkommt.
In Sachen Sound hat Core-Design sich nicht lumpen lassen. Die Musikstücke
haben teilweise durchaus Kino-Qualität. Leider sind diese allesamt
nicht besonders lang ausgefallen. Gewöhnungsbedürftig ist
die neue Stimme von Lara. Anstelle von Gabriele Nitzsche hat nun Marion
von Stengel diese Aufgabe übernommen. Letztere dürfte den
meisten Leuten als deutsche Synchron-Sprecherin für Pamela Anderson
ein Begriff sein.
"The Last Revelation" ist in gewisser Weise eine Zeitreise
zurück zu den Ursprüngen von Lara Croft. Vieles erinnert an
Tomb Raider I. Das liegt zum einen an den Schauplätzen, zum anderen
an den wieder öfter auftauchenden Rätselaufgaben. Das komplexe
Level-Design kann man in Anbetracht des erträglichen Schwierigkeitsgrades
verzeihen. TR IV richtet sich an Puristen, welche vom Wüstensand
nicht genug kriegen können, oder an Einsteiger, die mit der erbärmlichen
Softwaregrafik von TR I keine Freude haben.